Von Lokalwährungen zu kollaborativer Finanzierung: Was wir in Liechtenstein gelernt haben
- Integrity.Earth

- vor 7 Stunden
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Es gibt eine Frage, die uns seit Jahren begleitet: Warum wird so viel Wert, der in lokalen Wirtschaftsräumen täglich entsteht, nicht sichtbar gemacht — und warum fliesst er so schnell wieder ab?

Eine Präzisionsmechanikerin in Schaan, die einem jüngeren Startup über Monate hinweg technisches Know-how weitergibt. Ein Gastrobetrieb in Vaduz, der konsequent bei regionalen Lieferanten einkauft. Ein Gemeindeangestellter, der abteilungsübergreifend koordiniert und damit Dutzende von Stunden Nacharbeit spart. All das schafft echten Wert — wirtschaftlichen, sozialen, ökologischen. Und all das taucht in keiner Bilanz auf, wird von keinem bestehenden Finanzsystem honoriert, zirkuliert nicht zurück in die Gemeinschaft.
Kollaborative Finanzinstrumente — Lokalwährungen, Firmen-Tokens, tokenisierte Governance — sind keine Antwort auf dieses Problem. Sie sind ein Werkzeug, das helfen kann, es anzugehen. Ob sie es tun, hängt von Design, Kontext und Menschen ab.
Im vergangenen Jahr haben wir im Rahmen von Aktivität T2.8 des EDIH-Programms von digihub.li genau das untersucht: Welche dieser Instrumente könnten für Liechtenstein funktionieren? Unter welchen Bedingungen? Und was braucht es, damit aus Konzept Praxis wird?
Was wir getan haben
Wir haben vier aufeinander folgende Schritte durchgeführt.
Zuerst haben wir recherchiert. Sieben regionale Beispiele — vom WIR-Franc in der Schweiz, der seit 1934 als Gegenwährung für KMU funktioniert, über das sardische Sardex-Netzwerk mit über 3000 Unternehmen bis hin zum Vorarlbergstaler, der unmittelbar im Rheintal neben Liechtenstein zirkuliert — zeigen: das funktioniert. Nicht überall, nicht automatisch. Aber es funktioniert, wenn die Bedingungen stimmen.
Dann haben wir vier konkrete Anwendungsfälle für Liechtenstein entwickelt: vom internen Unternehmens-Token als niederschwelligstem Einstieg bis zur LI-Coin-Gemeinschaftswährung als ambitioniertestem Ziel. Nicht als Wunschliste, sondern als sequenziellen Pfad — jeder Schritt baut auf dem vorherigen auf.
Danach haben wir zugehört. 24 qualitative Einzelgespräche mit FL KMU und öffentlichen Organisationen aus neun Sektoren. Wir haben bewusst auf eine klassische Working Group verzichtet — in einem Land, in dem alle sich kennen und Reputation zählt, entstehen in Gruppenformaten soziale Drücke, die ehrliche Antworten erschweren. In Einzelgesprächen haben wir Dinge gehört, die wir in keiner Podiumsdiskussion gehört hätten.
Und schliesslich haben wir dokumentiert, was bereits existiert: vier Initiativen und Partnerschaften, die zeigen, dass die technischen Bausteine für kollaborative Finanzinstrumente in Liechtenstein schon vorhanden sind — von AERIC, unserem InnoSuisse-Projekt für verifizierbare ESG-Daten, über das digihub.li Digital Ecosystem bis zur investhub.io-Partnerschaft für TVTG-konforme tokenisierte Finanzierung.
Was wir gelernt haben
Die grösste Überraschung war, wie konsistent die Frustration war. Über alle 24 Gespräche, alle Sektoren, alle Unternehmensgrösssen hinweg: der am häufigsten genannte Schmerzpunkt war nicht Bürokratie, nicht Steuern, nicht Fachkräftemangel. Es war die Unsichtbarkeit von Zusammenarbeit. Wert, der entsteht, aber nirgends auftaucht.
Die zweite Erkenntnis: rund 60 Prozent der Befragten zeigen echtes Interesse. Das ist deutlich mehr als der europäische Durchschnitt für Blockchain-Adoption. Liechtenstein hat mit dem TVTG eine regulatorische Basis, die anderen Regionen fehlt — und viele Gesprächspartner wissen das. Einer aus dem Finanzbereich brachte es auf den Punkt: «Wir haben das beste Blockchain-Gesetz der Welt und noch nichts Konkretes vorzuweisen.»
Die dritte Erkenntnis ist die wichtigste für die Umsetzung: Niemand will der Erste sein. «Ich werde der Fünfte sein. Wenn zwei oder drei Unternehmen dabei sind, denen ich vertraue, mache ich mit.» Diese Logik haben wir in fast identischer Form von über einem Dutzend Gesprächspartnerinnen und -partnern gehört. Institutionelle Verankerung ist kein nice-to-have — sie ist die Voraussetzung.
Was als nächstes kommt
Die Grundlagenarbeit ist getan. Jetzt geht es um Aktivierung.
AERIC, das InnoSuisse-Projekt durchgeführt von digihub.li und der FH Graubünden (2026–2028), rekrutiert gerade die erste Kohorte von FL und CH KMU für den Pilot — verifizierbare ESG-Daten als Basis für token-basierte Anreize. Die investhub.io-Partnerschaft mit digihub.li gibt Liechtensteinischen KMU erstmals einen zugänglichen Weg, Kapital über TVTG-konforme Token-Angebote lokal zu mobilisieren. Und der LVC Design Sprint — in dem die Liechtensteinische Venture Cooperative ihre Mitgliedschaft in ein tokenbasiertes Governance-System überführt — kann in vier bis acht Wochen starten.
Wir bauen nichts von Grund auf neu. Wir setzen bewährte Bausteine zusammen — und passen sie an den Kontext an, der Liechtenstein einzigartig macht.
Wenn ihr neugierig seid, mit uns einen dieser Schritte zu gehen: Meldet euch.
Lisa Allmayer, lisa@integrity.earth



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