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„Vor allem braucht es Mut und Neugierde“ – Ein Interview mit Pia Rebekka Alge

Aktualisiert: 28. März 2023


Wir freuen uns, anschliessendes Interview mit Pia zu teilen. Was für eine Freude zu sehen, dass unser Impuls an der Universität Liechtenstein im Frühjahr 22 eine der Studierenden dazu inspirieren konnte das Thema von autarkem Wohnen und Suffizienz in ihrer Master Arbeit aufzugreifen. Mehr zu Pia’s Master Arbeit „UNIT“ und ihre Gedanken zu regenerativer Architektur folgt.


Wir gratulieren dir nochmals herzlich zu dieser super tollen Arbeit und zum Abschluss deines Masters, Pia!




 

Was verbindet dich mit dem Verein Integrity.Earth?

Integrity.Earth habe ich im Entwurfsstudio an der Uni Liechtenstein kennengelernt. Durch Integrity.Earth habe ich mich intensiv mit dem Thema regenerative Architektur und Suffizienz befasst. Daraus ist die Idee für meine Masterarbeit entstanden.


Was fasziniert dich an deiner Arbeit?

Besonders fasziniert mich der soziale Aspekt. Als Architekt*in ist man dafür verantwortlich, die gebaute Umwelt der Menschen zu gestalten. Das kann man nur wenn man sich wirklich darauf einlässt die Bedürfnisse und Wünsche zu verstehen.


Welchen Beruf würdest du wählen, könntest du neu beginnen?

Derzeit bin ich noch ganz am Anfang meines Berufslebens und würde mich wieder genauso entscheiden. Ich hoffe, dass ist auch in ein paar Jahren noch so.


Wann und wo kannst du wirklich abschalten?

Am besten abschalten kann ich in den Bergen beim Wandern und im Garten meiner Eltern bei den Hühnern.

 

Kannst du unseren Leser:innen die Eckdaten zu deinem Entwurf UNIT vorstellen?

Die Unit ist eine 6,91m mal 3,38m große, in Holzrahmenbauweise errichtete Wohnbox für eine Person. Bei der Materialauswahl war es mir wichtig, vor allem nachwachsende Rohstoffe wie Holz zu verwenden und nur so viel Material wie nötig zu verbauen. Deshalb ist zum Beispiel die Innenwand nicht verkleidet, sondern die statisch notwendige Dreischichtplatte sichtbar.

Die Unit funktioniert zu einem hohen Maße autark. Das bedeutet, sie kann theoretisch überall aufgestellt werden, ohne dass Anschlüsse vorhanden sein müssen. Photovoltaik Module an zwei Seiten der Unit produzieren Strom, der dann in einer Batterie gespeichert oder direkt verbraucht wird. Geheizt und gekocht wird mit einem Zentralheizungsherd mit Stückholz. Auch das warme Wasser wird dort erwärmt. Das Wasser selbst wird auf dem Dach der Unit gesammelt, gefiltert und dann als Trink - und Brauchwasser gespeichert. Die Toilette ist eine Komposttoilette. Dadurch sinkt der Wasserverbrauch und der Kompost kann im Garten verwendet werden.


Damit die Unit flexibel bleibt, steht sie auf Schraubfundamenten. Diese sind bei einem Positionswechsel leicht rückbaubar, wiederverwendbar und hinterlassen keine bleibenden Veränderungen im Boden. Sie werden sonst vor allem bei Fertiggaragen, Gartenhäuser und temporären Containerbauten verwendet und eignen sich deshalb optimal für die Unit.


Was war dein Hauptbeweggrund in deinem Master Thesis Projekt die Themen von regenerativer Architektur, Suffizienz und Autarkie aufzugreifen?

Ich glaube, dass diese Themen in Zukunft in der Architektur immer wichtiger werden. Vor allem das Thema Suffizienz und die Frage was brauchen wir wirklich um gut zu Leben finde ich dabei essentiell. Ich wollte mit meinem Projekt zeigen, dass weniger Energie und Materialverbrauch nicht gleich bedeutet, dass die eigene Wohn - und Lebensqualität sinken muss, sofern man lernt, richtig mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen umzugehen. Ich wollte zeigen, wie es wäre nur die Ressourcen zu verwendet die einem am eigenen Wohnort, bzw. in der direkten Umgebung, zur Verfügung stehen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Wasser. Man kann nur das Wasser nutzen, das auch auf dem eigenen Dach gesammelt wird. Das ist im Fall der Unit deutlich weniger als der aktuelle Pro-Kopf Verbrauch in Liechtenstein. Wenn man sich Statistiken zum durchschnittlichen Wasserverbrauch anschaut erkennt man, dass ein großer Teil des täglichen Verbrauchs die Toilettenspülung ausmacht. Das Einsparen dieses Wassers kann ohne signifikante Änderungen im täglichen Leben durch zum Beispiel eine Komposttoilette erreicht werden.


Eine der leitenden Fragen deines Forschungsprojekts war, wie ein selbständiges Studentenheim gestaltet werden soll, dass eine Bewusstseinsbildung für sozial, wirtschaftlich und ökologische Nachhaltigkeit fördert. Auf welche Weise meinst du, beeinflusst unser gebautes Umfeld unser Bewusstsein?

Ich glaube jeder kann sich am besten in Situationen hineinversetzen die der eigenen Lebensrealität nahe sind. Wenn jemand, um es überspitzt auszudrücken, in einem Haushalt aufgewachsen ist, in dem jede kleinste Strecke mit dem Auto zurückgelegt wird, dann wird diese Person wahrscheinlich nicht daran denken Fahrradstellplätze zu planen. Genauso wird jemand der auf mehreren 100m² Wohnfläche wohnt, höchstwahrscheinlich nicht glauben können, dass es möglich ist auf nicht einmal 25m² zu wohnen und dennoch eine genauso zufriedenstellende Lebensqualität zu haben. Ich bin deshalb der Meinung, dass (junge) Architekt:innen als zukünftige Gestalter der gebauten Umwelt die Möglichkeit haben müssen, wenigstens während ihres Studiums sozial, ökologisch und wirtschaftlich nachhaltig zu leben. Sie sollen dafür sorgen, dass die Gebäude der Zukunft keine negativen Einflüsse auf die Umwelt, das Klima und das soziale Zusammenleben der Menschen haben. Das können sie meiner Meinung nach nur, wenn sie persönlich von der Wichtigkeit und Richtigkeit der Maßnahmen überzeugt sind.


Wie schätzt du die Zugangsschwelle für ein Baukörper wie UNIT ein? Ziehen nicht nur Leute in diese Wohneinheiten die dem Thema von Suffizienz und Autarkie schon näher sind – siehst du das überhaupt als ein Problem?

Die Zugangsschwelle für die Unit ist zu Beginn wahrscheinlich schon recht hoch. Ich denke mir, dass die meisten das Konzept zwar neugierig aber doch eher skeptisch betrachten werden, da es sich auf den ersten Blick vom "normalen" Lebensstil in Liechtenstein unterscheidet. Deshalb werden am Anfang sicher gewisse Personengruppen eher angezogen als andere. Ich sehe das aber nicht als Problem, sondern einfach als Teil des Prozesses. Es braucht einzelne Personen, die sich dazu entscheiden in eine Unit zu ziehen und die dann, im Gespräch mit Anderen, die Vor- und Nachteile glaubhaft aufzeigen können.

Ein Hauptaspekt des Konzeptes ist es, dass die einzelnen Units in bestehende Siedlungsstrukturen integriert werden können. Der direkte Kontakt zwischen den Bewohnern der Unit und den bestehenden Nachbarschaften soll dafür sorgen, dass sich die Vorteile (temporär) in einer Unit zu wohnen herumsprechen. Der Aspekt, dass die Units durch die Schraubfundamente einfach und kostengünstig umgesetzt werden können, soll die Hemmschwelle senken eine Unit in den eigenen Garten zu stellen. Vereinfacht gesagt: man kann es einfach ausprobieren. Für mich waren Studenten als erste Zielgruppe unter anderem deshalb interessant, weil sie meistens zum ersten Mal von zuhause ausziehen und bezahlbaren Wohnraum für eine begrenzte Zeit suchen. Sie sind am ehesten offen dafür etwas Neues auszuprobieren.


Wo siehst du Vorteile in einer solchen Siedlung zu leben (vs. Status quo) für Menschen die evtl. (noch) wenig vertraut mit der Thematik sind? Was macht leben in so einer Siedlung attraktiv (oder für wen)?

Die Vorteile des Lebens in einer Siedlung die aus mehreren Units besteht bzw. von bestehenden Siedlungen die durch einzelne Units (temporär) verdichtet werden, sehe ich vor allem darin, dass das Materielle weniger wichtig wird und das soziale Zusammenleben mehr in den Fokus rückt. Es gibt in Liechtenstein immer mehr Singlehaushalte die alleine viel Wohnraum beanspruchen, hohe Kosten und nur wenig Kontakt zur Nachbarschaft haben. Wenn man sich also vorstellt, das eine alleinstehende Person mit großem Garten sich dazu bereit erklärt, dass eine oder mehrere Units für eine gewisse Zeit in ihrem Garten stehen könnte, dann hätte die Person mehr Kontakt zu anderen Menschen und diejenigen die zu in die Units im Garten ziehen hätten einen preiswerten Wohnraum. Im Sinne der Autarkie wäre es dann zusätzlich gut wenn die Bewohner der Unit den Garten pflegen und dort Obst und Gemüse anbauen würden. Das würde sich dann wiederum positiv auf die Biodiversität und Lebensmittelsouveränität auswirken.


Wo siehst du Schwierigkeiten, die Menschen welche in einer solchen Siedlung leben antreffen könnten?

Zu Beginn wäre es auf jeden Fall eine Umstellung. Das beginnt beim autarken Strom, Wasser und Energiekreislauf. Man muss sich zuerst bewusst werden wie viele Ressourcen man eigentlich verbraucht, wie viel davon wirklich nötig ist bzw. wie viel einem überhaupt zur Verfügung stehen.

Außerdem wird man durch den kleinen privaten Wohnbereich eher dazu gezwungen nach draußen zu gehen und sich mit anderen abzustimmen. Das kann dazu führen, dass man sich in gewisser Weise sozial abhängiger fühlt.

Modell "UNIT" von Pia Rebekka Alge, 2023.


Du hast im Vorfeld viel nachgeforscht zu individuellem Verbrauch von Energie etc. (Ökobilanzierung) War das das erste Mal, dass du dich intensiv mit diesen Berechnungen befasst hast? Was war überraschend, schockierend oder einfach dein Main Take-away aus dieser Recherche?

Ich habe mich im Verlauf meiner Masterarbeit zum ersten Mal in dieser Tiefe mit den Themen Energie - und Ressourcenverbrauch befasst. Im Rahmen des Studiums hatte ich immer wieder Vorlesungen die sich mit diesen Themen auseinandersetzten aber die reinen Fakten und Zahlen waren für mich wenig greifbar. Dadurch, dass ich schlussendlich nur noch eine Person in einer Box betrachtet habe, war es für mich nachvollziehbarer. Und so ähnlich, nur noch greifbarer und erlebbarer, stelle ich mir vor, würde es den Bewohnern den Boxen gehen. Wenn man, um wieder das Thema Wasser als Beispiel zu nehmen, während des Duschens sieht, wie der Wasserstand im Wassertank niedriger wird, merkt man erst wie viel man verbraucht. Besonders überraschend war für mich der Stromverbrauch von einzelnen Elektrogeräten. Das hat auch dazu geführt, dass ich viele meiner eigenen Gewohnheiten kritisch hinterfrage.


Hat dich dieses Projekt und diese intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Suffizienz und Autarkie nachhaltig beeinflusst? Gibt es Grundprinzipien oder Konzepte, die du in deine künftigen Entwürfe übernimmst? Können überhaupt auch nur Einzelteile (Kompost Toilette, Regenwassernutzung) übernommen werden oder ist es immer ein Gesamtkonzept?

Die Auseinandersetzung mit den Themen hat mein Verständnis für Zusammenhänge geschärft und mir gezeigt welchen positiven Einfluss Architektur auf Mensch und Natur haben kann.

Gewisse Grundprinzipien, wie zum Beispiel, dass Regenwasser gesammelt und genutzt wird, und auch die Nutzung von Photovoltaikanlagen, können meiner Meinung nach beinahe überall implementiert werden. Das sind Konzepte die auch funktionieren ohne, dass die Bewohner etwas an ihrem Lebensstil ändern müssen. Elemente wie die Komposttoilette oder auch das Heizen und Kochen mit Stückholz erfordert mehr Mitarbeit der Bewohner und sind auch nicht überall sinnvoll. Ich bin der Meinung, dass es darum gehen muss, die richtigen Lösungen für individuelle Probleme zu finden. In einer dicht besiedelten Stadt braucht es sicher andere Ansätze als in Liechtenstein wo die temporäre Nutzung von Flächen und dadurch Verdichtung der Siedlungsstruktur mit autarken Wohneinheiten funktionieren kann.


Wie denkst du, entwickelt sich Architektur als Disziplin – spielen diese Themen auch während dem Studium/der Lehre eine immer zentralere Rolle? Tut es das schon jetzt?

Die Architektur hat sich immer weiterentwickelt und angepasst. Geplant und Gebaut wird das, was von der Gesellschaft im Moment als sinnvoll und schön angesehen wird. Dadurch, dass in der breiten Bevölkerung das Bewusstsein für Nachhaltigkeit immer größer wird, wird sich meiner Meinung nach auch die Architektur immer mehr anpassen und versuchen nachhaltiger zu agieren. Das merkt man auch jetzt schon in der Lehre.


Wo siehst du die Problematik solche Gemeinschaften und Entwürfe up zu scalen?

Die Unit an sich, als Ort der Bewusstseinsbildung für den Ressourcen - und Energieverbraucht einer einzelnen Person, lässt sich meiner Meinung nach nur schwer bis gar nicht up scalen. Sobald mehrere Personen in einer Box leben, geht das Bewusstsein dafür, was man selbst benötigt verloren. Die Gefahr, dass man beginnt die Verantwortung auf die andere Person abzuschieben, ist groß.


Als Ansammlung mehrere Units wiederum glaub ich lässt sich der Entwurf bis zu einem Punkt relativ gut up scalen. Es ist wichtig, dass sich eine Nachbarschaft, egal ob sie vor allem aus Units besteht oder ob sie in die bestehende Siedlungsstruktur eingegliedert wird, gewissermaßen selbst organisieren kann. Es muss möglich sein, dass jeder jeden kennt und ein Gefühl der Gemeinschaft entsteht. Einfach gesagt, wenn man sich als Bewohner der Unit nur als Person X in einer Ansammlung von identischen Boxen sieht, dann ist die Gruppe zu groß.


Was braucht es damit wir in Zukunft immer mehr so bauen ( - oder auch erst können)?

Ich glaube vor allem braucht es Mut und Neugierde aller Beteiligten. Die technischen Aspekte sind eigentlich, soweit ich das in meinem Projekt gesehen habe, größtenteils schon geklärt. Und auch, dass es möglich ist so zu wohnen zeigen einzelne Projekte aus der Tiny House Szene. Als aktuell größte Herausforderung sehe ich die rechtlichen Grundlagen, da man sich derzeit mit kleinen, temporären, autarken Wohngebäuden bestenfalls in einer rechtlichen Grauzone bewegt. Hier braucht es politischen Willen, gesellschaftlichen Druck und Akteure die in der Lage sind, solche Projekte in größerem Maßstab umsetzen.




pia.bekka

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